Das vascoda-Portal geht vom Netz

Der Beginn eines neuen Jahres bietet sich für einen Rückblick an, auch wenn solche Jahresrückblicke ja sonst traditionell „zwischen den Jahren“ gemacht werden. In Sachen vascoda ist ein Rückblick notwendig, auch um nachvollziehen zu können, warum in dieser Woche das vascoda-Portal vom Netz geht. Insofern ist dies nicht nur ein Rückblick, sondern auch eine Ankündigung.

Am 6. Dezember 2010 fand in Berlin die 9. Mitgliederversammlung des vascoda e.V. statt, bei der die geplante und bereits am 19. April 2010 im Grundsatz beschlossene Neuausrichtung des Vereins weiter diskutiert wurde. In meinem Beitrag vom 21. Mai 2010 habe ich die Hintergründe dazu bereits dargestellt, fasse sie hier aber nochmal zusammen: Die Mittelfreigabe für das zweite Projektjahr des DFG-Vorhabens vascoda 2010 wurde an die Vorlage eines Zukunftskonzeptes seitens des vascoda e.V. geknüpft, welches der DFG bzw. dessen Ausschuss für wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssystem (AWBI) vorgelegt wurde. Mit der Ende 2009 erfolgten Freigabe der Mittel empfahl der AWBI eine Fokussierung der Aufgaben des vascoda e.V. auf den Bereich Koordination, Wissenstransfer, strategische Unterstützung und Marketing für die beteiligten Virtuellen Fachbibliotheken und Fachportale und die entsprechende Anpassung der Projektinhalte. Die Fortführung des Einstiegs- und Rechercheportals vascoda wurde dagegen aufgrund der zu geringen Nutzung ausdrücklich nicht empfohlen. Vorstand und Koordinierungsausschuss kamen in der Folge zu dem Schluss, dass ohne die Unterstützung der DFG eine nachhaltige Finanzierung für den Portalbetrieb und die Pflege und den Ausbau des vascoda-Suchraumes durch den Verein nicht zu erreichen ist. Es wurde daher gemäß des Votums des AWBI eine Neuausrichtung vascodas vorgeschlagen. Auf der Mitgliederversammlung im April blieb dann allerdings noch sehr unklar, welche Aufgabenschwerpunkte vascoda als Verein künftig verfolgen soll, wenn der Betrieb und die Weiterentwicklung eines zentralen Recherche- und Einstiegsportals wegfallen.

Im Rahmen des Projektes wurde mit externer Unterstützung durch die Firma infas von August bis Oktober 2010 eine Erhebung der Interessenlage im vascoda e.V. durchgeführt. Dabei wurden 36 von 41 Mitgliedseinrichtungen auf Leitungsebene sowie zusätzlich 18 Fachverantwortliche verschiedener Fachportale zu ihren konkreten Bedürfnissen und letztlich ihrer Bereitschaft vascoda fortzuführen befragt. Die Ergebnisse, welche Ende Oktober zunächst dem Vorstand und dem Koordinierungsausschuss vorgestellt wurden, waren im Großen und Ganzen nicht wirklich überraschend. Kritisch hinterfragen kann und muss man hier vielleicht, ob die Art der Befragung (leitfadengestützte Interviews) die Richtung der Antworten in einem gewissen Umfang  bereits implizierten. Die Befragten hatten aber auch Möglichkeiten, frei zu antworten.
Knapp zwei Drittel der Befragten sehen jedenfalls durchaus einen Mehrwert in der Mitgliedschaft im vascoda e.V. Als sehr wichtig für die zukünftige Ausrichtung betrachten die Meisten dabei den Schwerpunkt Kommunikation, Austausch und Wissenstransfer. Als weitere wichtige Schwerpunkte wurden zudem Standardisierung und Koordination, Interessenvertretung gegenüber Fördereinrichtungen und Politik, praktische Hilfe bei IT-Fragen und die Beratung in rechtlichen Fragen genannt. Mögliche Dienstleistungen, die in Richtung Qualitätssicherung abzielen, wurden mit Prüfung der Nutzerfreundlichkeit, Nachnutzung von erfolgreichen Diensten und Hosting von Angeboten sowie dem Setzen und Kontrollieren von Standards benannt. Festzuhalten bleibt aber auch, dass es trotz der genannten Bedarfe nur eine geringe Bereitschaft und eingeschränkte Möglichkeiten bei den Mitgliedern gibt, die Dienste des Vereins in der notwendigen Höhe mit zu finanzieren. Infas kommt zu dem Schluss, dass der Verein nur bei der Reduzierung der Aufgaben auf wenige Kernbereiche bei einem noch zu erarbeitenden Finanzierungskonzept fortgeführt werden kann.
Vorstand und Koordinierungsausschuss sahen allerdings die alleinige Konzentration auf Kommunikation und Wissenstransfer zunächst als zu wenig an, um damit die Fortführung eines  – dann absehbar deutlich verkleinerten – Vereins zu rechtfertigen. Eine gemeinsame Empfehlung beider Gremien zur Mitgliederversammlung zielte daher auf die Einführung eines Zertifikates für Fachportale als neuen Vereins-Zweck ab. Die gemeinsame Entwicklung von Qualitätsmerkmalen für Fachportale hätte in diesem Fall den gewünschten Austausch unter den Fachportalbetreibern berücksichtigt und befördert.

Dieser Vorschlag wurde kontrovers diskutiert aber von den meisten Mitgliedern letztlich aus verschiedenen Gründen abgelehnt. Unter anderen wurden Ressourcenprobleme und nicht vorhandene Handlungsspielräume für notwendige Umsetzungen und dem damit entstehenden Druck auf die betreibenden Einrichtungen benannt, während gleichzeitig aber auch eingeräumt wurde, dass eine dauerhafte Qualitätssicherung von vielen Fachportalbetreibern nicht alleine geleistet werden kann und diese somit auf Entwicklungskooperationen in irgend einer Form angewiesen sind.
In der weiteren Diskussion zeigte sich aber noch mal, dass es seitens der Fachportale Bedarf an einer Struktur wie den vascoda-Verein und den genannten Aufgaben gibt. Für 2011 ist jedenfalls -die Technische Informationbibliothek noch bereit, die Geschäftsstelle des Vereines zu betreiben und zu finanzieren und auch die im Projekt noch vorhandenen Mittel entsprechend einzusetzen. Im Anschluss muss die benötigte Struktur (mit z.B. einer Geschäfts- oder Koordinierungsstelle) dann gemeinsam durch alle Beteiligten finanziert und ggf. neu verortet werden. Vereinbart wurde, dass bis Mitte 2011 ein Wirtschafts- und Arbeitsplan für die Zeit ab 2012 erarbeitet wird. Darin sollen verschiedene Varianten zur Fortführung des Vereins aber auch Optionen zur Weiterführung der von den Mitgliedern gewünschten Aufgaben in anderer Form darstellt und für diese Varianten möglichst die konkreten (finanziellen) Verpflichtungen der dann verbleibenden Mitgliedseinrichtungen bzw. Beteiligten benannt werden.

Darüber hinaus wurde einstimmig beschlossen, das bisherige vascoda-Portal als Recherche- und Einstiegsportal zum Jahreswechsel 2010/2011 abzuschalten bzw. durch das vascoda-Blog zu ersetzen. Dies wird noch in dieser Woche vollzogen. Mittels eines Redirects wird in einem ersten Schritt von allen Seiten unter http://www.vascoda.de automatisch auf das vascoda-Blog (https://vascoda.wordpress.com) weitergeleitet. Eine Suche im vascoda-Suchraum wird nicht mehr möglich sein. Solange unklar ist, ob und wie es mit dem Verein weitergeht, sind größere Aufwände für das Einrichten eines neuen Webauftritts sicher nicht zu rechtfertigen. An das vascoda-Portal gekoppelt ist  das Linkresolver-Gateway, welches von verschieden Fachportalen als Dienst zur lokalen Verfügbarkeitsprüfung genutzt wird. Dieser Dienst soll weiter angeboten werden, muss aber zwingend überarbeitet und aktualisiert werden. Verschiedene Ideen für die Ausgestaltung  gibt es schon, wann diese wie umgesetzt werden, muss aber noch geklärt werden. Bis dahin wird das vascoda-Blog erst mal nicht unter der Domain http://www.vascoda.de betrieben, wird aber natürlich durch die Weiterleitung über diese Adresse zu erreichen sein.

Verschiedene Informationen (z.B. Informationen zum Verein, zur Projekt- und Portalentwicklung und Publikationslisten) zu vascoda werden nun nach und nach ins vascoda-Blog übernommen (siehe Seite ‚Über vascoda‘) und stehen damit weiter zur Verfügung. Dazu gehören auch Informationen aus den Sammlungsbeschreibungen der Fachzugänge, die dann in einer Liste der ViFas und Fachportale zur Verfügung stehen. Allerdings wird die Darstellung nicht mehr so umfangreich sein und für weitere Informationen zu den Portalen und zu den Sondersammelgebieten werden wir dann auf Webis verweisen.

Abschließen möchte ich diesen Beitrag mit einigen persönlichen Anmerkungen. Gerne würde ich jetzt „vascoda ist tot. Es lebe vascoda!“ verkünden, aber so einfach ist es leider nicht. Momentan kann man wohl nur sagen, dass die (Auf)Lösung von vascoda vertagt wurde. Wie und ob es mit vascoda über 2011 hinaus weiter geht, bleibt abzuwarten. Die Abschaltung des vascoda-Portals ist sicher erstmal ein deutlicher Rückschritt. Mir ist klar, dass dies nicht alle so sehen und diesen Schritt auch gerne schon sehr viel früher gesehen hätten. Bei vielen schwingt aber auch viel Wehmut mit, wenn sie an die gemeinsamen Aufwände und das Engagement seit 2003 denken. Mit dem vascoda-Portal sind wir letztlich gescheitert. Hier haben wir es in all den Jahren nicht geschafft, den Nutzen ausreichend zu vermitteln und ensprechend eine Nutzung dieses Angebotes zu genieren, die das andauerende in Frage stellen eventuell auch überflüssig gemacht hätte. Und das hatte nicht nur etwas mit der technischen Umsetzung  zu tun, zu der Kritik an vielen Stellen natürlich gerechtfertigt war. Aber von einem Scheitern vascodas insgesamt zu sprechen, halte ich tatsächlich für falsch. Ich kann im Grundsatz Anne Christensen zustimmen, die bereits im Mai 2010 im netbib weblog das Thema aufgegriffen und eine Lanze für vascoda gebrochen hat. Das Netzwerk vascoda (es hätte auch jedes andere Label haben können) hat m.E.  eine Menge bewegt, es hat – initiiert durch die DFG und das BMBF – viele Player zusammengebracht und das System der überregionalen Literaturversorgung mit Sicherheit beinflusst. Es bleiben, neben einer Menge Erfahrungen, aber auch viele Fragen offen, die zu formulieren und zu beantworten mehr als diesen einen Blogbeitrag benötigen und auch an anderen Stelle und von anderen Personen aufbereitet werden müssen und sollten.
Gelegenheit, Fragen zu stellen und Ansichten zu ergänzen, bietet aber auch die Kommentarfunktion dieses Blogs.

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9 Antworten to “Das vascoda-Portal geht vom Netz”

  1. Klaus Graf Says:

    Für mich war Vascoda immer eine eklatante Verschwendung von Steuergeldern, ich weine ihm keine Träne nach.

  2. Michael Hohlfeld Says:

    Nun, diese Meinung kennen mittlerweile wohl alle. Ich teile sie nicht, auch wenn ich es ebenfalls ärgerlich finde, dass nun etwas vom Markt verschwindet, was mit großem Aufwand – nicht nur finanziellem – über viele Jahre aufgebaut wurde. Kritik, berechtigte und auch weniger konstruktive hat vascoda, hat das vascoda-Portal von Anfang an erfahren. Mit dieser Kritik kann und muss man leben und keiner der Beteiligten braucht und sollte sie persönlich zu nehmen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass es nicht nur (durchaus lösbare) technische Restriktionen gab, sondern weil vascoda als „Dachportal“ und Netzwerk der sehr heterogenen Landschaft Virtuellen Fachbibliotheken und Fachportale und der weiteren Beteiligten auch aus anderen Gründen immer nur der kleinste gemeinsame Nenner sein konnte. Ein natürlicher Prozess, wenn sich viele Beteiligte auf etwas einigen sollen, eventuell eine Frage des Willens. Eine Rolle spielt in diesem Zusammenhang m.E. das Förder- und Gutachtersystem und die Strategie(n) der Geldgeber. Dies bedarf sicher einer ausführlicheren Analyse und darüber kann man sich bestimmt auch vortrefflich streiten. Das will ich an dieser Stelle aber gar nicht tun und sehe es auch nicht als meine Aufgabe. Klar ist aber doch wohl, das es nicht in der Verantwortung der Beantragenden liegt, wenn Projekte bewilligt werden und dass man es den Projektnehmern auch nicht wirklich ankreiden kann, wenn sie ihre Projekte dann unter den gegebenen, sich oft auch ändernden und teils nicht beeinflussbaren Rahmenbedingungen so gut wie möglich durchführen uns am Ende vielleicht auch etwas anderes herauskommt, als ursprünglich beantragt. Natürlich kann man sich immer fragen, warum bestimmte Projekte gefördert und andere (vielleicht auch bessere) Ideen nicht gefördert und umgesetzt werden. Man kann sich auch fragen, warum bei dem Projekt-Konstrukt vascoda (viele Teilprojekte von DFG und BMBF), so viele Mittel in begleitende Maßnahmen geflossen sind und nicht direkt in ein frühzeitig marktfähiges Endprodukt. Unstrittig ist aber aus meiner Sicht, dass durch diese Projekte eine Menge Erfahrungen gesammelt und Kompetenzen in den beteiligten Bibliotheken und darüber hinaus aufgebaut wurden, die anderen Projekten und Produkten wieder zu Gute kommen. Von daher war und ist die Förderung von vascoda mit Sicherheit keine Steuerverschwendung.

  3. Vascoda und dann? – Infobib Says:

    […] Im Vascoda-Blog heißt es zur Zukunft von Vascoda: Vereinbart wurde, dass bis Mitte 2011 ein Wirtschafts- und Arbeitsplan für die Zeit ab 2012 erarbeitet wird. Darin sollen verschiedene Varianten zur Fortführung des Vereins aber auch Optionen zur Weiterführung der von den Mitgliedern gewünschten Aufgaben in anderer Form darstellt und für diese Varianten möglichst die konkreten (finanziellen) Verpflichtungen der dann verbleibenden Mitgliedseinrichtungen bzw. Beteiligten benannt werden. […]

  4. Krause Says:

    Schade, dass Vascoda vom Netz ging. In meinen Recherchekursen habe ich immer gern darauf hingewiesen, auch wenn nicht alle gefundenen Quellen gleich gut für die Schweiz verfügbar waren. Grundsätzlich mache ich aber in meinen Kursen immer die Erfahrung, dass die Nutzenden einen einzigen sinnvollen Rechercheeinsteig in thematische Fachquellen, seien es Linksammlugen oder Fachdatenbanken usw. sehr begrüssen würden. Auch hier in der Schweiz.

  5. Gelesen in Biblioblogs (2.KW’11) « Lesewolke's Blog Says:

    […] 2. Kalenderwoche startete mit der Nachricht, dass das vascoda-Portal abgeschaltet wird, was dann schließlich am 14. Januar passierte. Infobib […]

  6. Das deutsche wissenschaftlich Bibliotheksport “Vascoda” geht vom Netz - Librarian in Residence – Goethe-Institut New York Says:

    […] für Fachportale als neuem Vereins-Zweck“. Übrig bleibt nach sieben Jahren Vascoda ein Blog, Twitter und eine Liste der einzelnen Fachinformtionszentren . Der Traum von der "Digitalen […]

  7. Haftnotiz 98: Vascoda und virtuelle Fachbibliotheken | Lemy's Blog Says:

    […] Anfang des Jahres wurde leider (!!!) das zentrale Rechercheportal der Virtuellen Fachbibliotheken in Deutschland abgeschaltet. In unserer Zeit, in der Internetnutzer schnell ungeduldig werden, wenn sie mit ein oder zwei […]

  8. Gelesen in Biblioblogs (24.KW’11) « Lesewolke Says:

    […] vascoda-Portal geht nun endgültig vom Netz. Lemy’s Blog widmet sich diesem Thema und verweist darauf, dass […]


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